Fällt aus: „Psychologie des Rassismus“

Leider kann die eigentlich für den 14.8. angedachte Veranstaltung (Psychologie des Rassismus) unserer Vortragsreihe „Psychoanalyse, Gesellschaft, Rassismus“ nicht stattfinden.

Veranstaltungsreihe: Psychoanalyse, Gesellschaft, Rassismus

Am 31. Juli 2014 beginnt eine von uns unterstützte Veranstaltungsreihe des Antira-Referats des AStA der TU Braunschweig.

31.07. 19 Uhr – Vortrag: Gesellschaftskritik und Psychoanalyse (TU-Altgebäude, SN 19.4)
07.08. 19 Uhr – Vortrag: Von Lampedusa nach Hellersdorf (TU-Altgebäude, SN 19.3)
14.08. 19 Uhr – Vortrag: Psychologie des Rassismus (TU-Altgebäude, SN 19.3)

Für weitere Informationen und die Ankündigungstexte der Veranstaltungen sei auf die Internetseite des Antira-Referats verwiesen

Redebeitrag: Keine Emanzipation ohne die der Gesellschaft


Keine Emanzipation ohne die der Gesellschaft by Antifaschistische Gruppe Bs on Mixcloud

Es sei auch hier noch einmal auf unseren Redebeitrag anlässlich der Demonstration „Etwas besser ist nicht gut“ vom 30. April 2014 hingewiesen. Neben der Audioversion gibt es auch nochmal den Text zum nachlesen:

Eine Linke, die sich eine radikale Gesellschaftskritik auf die Fahne schreibt, muss sich zwangsläufig mit der Frage, wie Reproduktion gesellschaftlich organsiert wird, auseinandersetzen – vor allem, wenn an der Frage der Reproduktion die strukturelle Unterdrückung der Hälfte der Menschheit hängt.
Rechtlich sind wir als Bürgerinnen freie, gleiche Vertragssubjekte. Auch Frauen sind auf Grund feministischer Kämpfe und kapitalistischer Notwendigkeit seit den späten 70er Jahren formal als bürgerliche Subjekte anerkannt. Seitdem ist es ihnen möglich, ihre Arbeitskraft ohne Zustimmung ihrer Ehemänner zu verkaufen. In der Öffentlichkeit stehen Frauen nun genauso unter dem direkten Zugriff des Kapitals wie Männer, dort sind sie aber meist noch von niedrigeren Löhnen und schlechteren Arbeitsbedingungen betroffen. Im Privaten werden sie in die unbezahlte Reproduktionsarbeit gedrängt. Denn innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise ist die Abspaltung der Reproduktionssphäre von der bezahlten Wertproduktion notwendig. Da, wo Reproduktionsarbeit in wert gesetzt wird, etwa in Pflegeheimen die profitorientiert wirtschaften, findet sie meist nur prekär statt. Durch Mangel an Produktivitätssteigerung ist die Akkumulation von Mehrwert hier nur möglich durch die Senkung der Lohnkosten. Daraus folgen schlechtere Arbeitsbedingungen und eine qualitativ schlechte Gesundheitsversorgung. Ein Großteil der Reproduktionsarbeit ist deshalb kaum oder nur bis zu einem bestimmten Grad verwertbar. So wird die Reproduktionsarbeit zur Aufgabe der bürgerlichen Kleinfamilie bzw. der Frau. Damit wird die fundamentale Frage nach Bedürfnissen und Bedürfnisbefriedigung zu einer individuellen, die in die Verantwortung der vereinzelten Einzelnen fällt. Dabei ist die eigene Reproduktion aber kein Selbstzweck und die Privatsphäre kein Hort des Guten, sondern nur die Notwendigkeit der Wiederherstellung der Arbeitskraft. Auch die Freizeit steht im Dienste der Kapitalakkumulation.
Es stellt sich nun die Frage, weshalb gerade Frauen der Sphäre der Reproduktion zugeordnet werden. Mit einer rein ökonomistischen Analyse kann dieser Zusammenhang nicht begriffen werden. Zwar geht historisch die materielle Ungleichheit damit einher, dass der Mann mit dem Lohn auch für seine Reproduktion bezahlen muss, d.h. inklusive seiner Frau und den Unterhalt für seine Kinder bzw. Ersatzarbeitskräfte. Aber das erklärt nicht, warum sich trotz der Konstitution der Frau als bürgerliches Subjekt, Frauenfeindlichkeit und die Abwertung von Frauen zugeschriebenen Arbeitsbereichen immer noch halten.

Die Dekonstruktivist_innen können Geschlechterverhältnisse aber auch nicht erklären, weil sie die materiellen Verhältnisse nicht mit einbeziehen. Sie begreifen die Sprache nicht nur als Ansatzpunkt für politische Praxis, sondern weisen ihr eine geschlechterkonstituierende Funktion zu. Das Geschlechterverhältnis können sie mit dieser Konstituierung des Geschlechts auf Bedeutungsebene nicht erklären und nehmen es selbst oft affirmativ auf. Parallel zu den seit den 90er Jahren zunehmenden Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt fordern diese eine Instabilität von Identitäten was praktisch nichts anderes ist, als die Umsetzung dieser Flexibilisierung im privaten. Es wird nicht erkannt dass diese Verhältnisse genau solche instabile Identitäten fordern.
Andersherum greift eine Kritik, die von einer automatischen, kulturellen Verarbeitung der Verhältnisse á la „Es ist so, weil es so sein muss“ ausgeht, zu kurz, weil sie die Frage nach der historischen Gewachsenheit und der spezifischen psychischen Verarbeitungsform materieller Verhältnisse nicht stellt. Der Ursprung bürgerlicher Geschlechterrollen liegt in der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und der Konstitution des bürgerlichen Subjekts. Mit der französischen Revolution hat die bürgerliche Klasse die politische Macht übernommen. In den Jahrhunderten zuvor hatte sie sich die ökonomische Macht bereits angeeignet und nach feudaler, patriarchaler Logik an ihre Söhne weitergegeben. Dies war die entscheidende Voraussetzung, die es dem männlichen, weißen Besitzbürgertum in Europa ermöglichte, sich die politische Vorherrschaft anzueignen und den modernen bürgerlichen Staat einzurichten. In diesem Staat findet sich der Bürger als politisch handelndes Subjekt wieder – zumindest in dem Handlungsrahmen den die Herrschaft des Wertes zulässt. Und hier setzt die Vorstellung des Mannes als aktiver Part in Staat, Wirtschaft und Familie ein. Sein Subjektstatus geht immer mit einem Anspruch zum aktiven Verhältnis zur Umwelt einher. Diese Zuschreibung konstruierte und zementierte die Passivität der Frau in diesen Bereichen, da sie zu diesem Zeitpunkt eben diesen bürgerlichen Subjektstatus noch nicht erlangt hatte. Dieses Verhältnis von Aktivität und Passivität hat sich eingeschrieben in die heute noch gültigen Geschlechterrollen und in die materiellen Verhältnisse.
Mit der Loslösung gesellschaftlicher Herrschaft vom Souverän und ihrer Demokratisierung muss jeder Bürger die Macht des Staates verinnerlichen, sowie sich selbst und seine Triebe und Bedürfnisse beherrschen, um sie den Idealen der kapitalistischen Gesellschaft unterzuordnen. Das bedeutet für den Mann sein Bedürfnis nach Passivität zu unterdrücken und jegliche tatsächliche Ohnmacht gegenüber den Verhältnissen zu verdrängen. Dafür muss er sie auf das vermeintliche Wesen der Frau projizieren und sie an ihr abwerten.
Die Geschlechterzuschreibungen finden sich manifestiert in den materiellen Verhältnissen, in Form von Abspaltung und Abwertung der weiblich konnotierten Reproduktionssphäre und Gewalt gegen Frauen. Jenes Geschlechterregime entsteht und reproduziert sich in der Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft. Materielle Verhältnisse in Form von kapitalistischen Notwendigkeiten, ihre kulturelle Verarbeitung in Form von Normen und ihre psychische Verarbeitung als Charakterstrukturen sind ineinander vermittelt und in der Analyse nicht voneinander zu trennen. Sie zusammen bilden ein totalitäres und wirkmächtiges Patriachat.

Das gute Leben muss auf allen Ebenen erkämpft werden

Kapitalismus und Patriarchat abschaffen

Fight for Feminism!

PDF-Version des Redebeitrags