6 Kritikpunkte an der Veranstaltung „Nationalismus und die Sozialpsychologie vom autoritären Charakter“

Eine Kritik dieser Veranstaltung der Gruppen gegen Kapital und Nation impliziert eine Kritik des GegenStandpunktes (GSP). Deswegen wird hier beides gemeinsam erledigt, ohne jedoch auf Belege aus dem Veranstaltungstext verzichten zu müssen.

Das Unbewusste
Es bleibt unklar, ob ernsthaft versucht wird, das Unbewusste zu widerlegen oder ob nur dessen Unbrauchbarkeit für die Gesellschaftstheorie behauptet wird. Nicht nur hier besteht eine Ähnlichkeit zur Position des GSP, wie ein Zitat von Karl Held zeigt:
„Es bedarf keineswegs einer Leugnung von Freiheit, und schon gar nicht der mühsam zusammenkonstruierten Macht des Un-Bewußten, um das Gelingen von Herrschaft und Ausbeutung auf dem Globus verständlich zu machen.“
Der Veranstaltungstext legt nahe, dass das Unbewusste herbeigezaubert wird, um das Ausbleiben der Revolution zu erklären. Tatsächlich lässt sich das Unbewusste, wie es etwa bei Freud entwickelt wird, an vielen Phänomenen veranschaulichen:

Psychosomatik und neurotische Symptome – laut den Veranstalter_innen rein körperliche Äußerungen oder bewusste Handlungen?

Hypnose – Man denke etwa an Jean-Martin Charcots Hypnoseversuche bei hysterischen Lähmungen, welche gerade für Freuds theoretische Beginne von Bedeutung waren.

Verdrängung – Als Reaktion auf Verwehrung. Ohne einen Begriff von Verdrängung wären sich alle Menschen ihrer Neigungen stets bewusst. Ein solch eindimensionales Menschenbild wird tatsächlich mit dem schillernden Begriff des Interesses beim GegenStandpunkt vertreten (siehe Punkt 4).

Fernab der Gesellschaftstheorie und der Frage nach den Gründen des Ausbleibens der Revolution gilt: Wer sich mit der menschlichen Psyche auseinandersetzt, stößt notwendigerweise auf das Unbewusste. Es ist schon fast komisch, eine solche Banalität als Argument anführen zu müssen.

Hang zum Positivismus
Im Ankündigungstext äußert sich der Hang zum Positivismus in Beschwerden darüber, dass ein Gewaltpotential empirisch nicht gefunden werden könne oder, dass psychoanalytische Annahmen kaum widerlegt werden könnten. Es handelt sich um den Vorwurf an die Psychologie, sie betreibe Spekulation, während es doch sinnvoll wäre auf sicherem Boden zu bleiben.

Der sichere Boden ist der positivistische Marxismus des GegenStandpunktes. Der Kapitalismus werde demnach durch Marx und seine vermeintlichen Nachfolger vom GSP eindeutig, abgeschlossen und prüfbar dargestellt. Die Bestimmung ist positiv wie die des wissenschaftlichen Experimentes. Auf das Verhältnis zwischen beschauendem Subjekt und beschautem Objekt wird nicht reflektiert: man beansprucht ja reine Objektivität. Nur so kann die Rede sein von überprüfbaren Wahrheitsgehalten. Theorie bedeutet so nicht etwa das Begreifen eines Gegenstandes, sondern die Übergabe eines starren, prüfbaren, abgeschlossenen Wahrheitsgehaltes, z.B. bei Schulungen.

Doch weder die menschliche Psyche noch der Kapitalismus sind ruhende, positiv zu bestimmende Gegenstände. Sowohl die Psyche (durch innere Dynamik, widerstrebende Triebziele und Ambivalenzen) als auch der Kapitalismus (als prozessierender Widerspruch der Wertverwertung) widerstreben durch ihre innere Widersprüchlichkeit einer positiv-systematischen Vollbestimmung. Hinter dem geäußerten Vorwurf, dass die Psychoanalyse keine prüfbaren Resultate liefere, verbirgt sich also ein positivistisches Wissenschaftsbild, welches jedoch in keinem Widerspruch zur eigenen Marx-Lektüre steht.

Überbetonung von Inhalt und Zweck

Womit der Ankündigungstext nicht falsch liegt, ist die inhaltliche Gleichheit von Patriotismus und Nationalismus. Hier wie überall wird sich jedoch auf den Inhalt beschränkt. Zu erfragen seien stets die inhaltlichen Ziele und Zwecke. Diese eigentümliche Überbetonung – ja Fetischisierung – des Inhalts und die Abkehr von Formbestimmungen sind typisch auch für den GegenStandpunkt.
Beim Nationalismus ist der Inhalt tatsächlich dann häufig nicht schlecht getroffen. Das Kapitalverhältnis mache die Menschen zu Konkurrent_innen und, wegen der Aufteilung der Welt in Staaten, zu Nationalist_innen. Es bleibt jedoch ungeklärt, wieso sich der Inhalt in verschiedenen Formen (bspw. in Pogromen oder lediglich in latentem Patriotismus) äußern kann. Es wird in dem Veranstaltungstext ja explizit abgelehnt, schon mit Begriffen wie dem des Gewaltpotentials zu arbeiten, da mit diesem ja schon vom inhaltlichen Grund und Zweck der Gewalt abstrahiert werde.

Eine Analogie zu Marx: Dieser warf der politischen Ökonomie vor, dass sie mit dem Wert zwar den Inhalt gefunden habe, aber nicht erklären könne, weswegen dieser grade die Form des Geldes und keine andere annehme. Ähnlich bleiben den Ökonomist_innen trotz inhaltlicher Ableitung des Nationalismus aus dem Kapitalverhältnis dessen (Erscheinungs-)Formen unerklärlich.
Wer mit den Schlagwörtern des Inhalts und des Zwecks meint jede banale Alltagshandlung vollständig erklären zu können – und das tun die Veranstalter_innen und der GSP mit einer solchen Kritik der Psychologie – dem entgeht nicht nur der halbe Spaß der Erkenntnis, sondern der zieht in seiner Borniertheit auch häufig falsche Schlüsse. Inhalt und Form sind nicht zwei Hälften einer Sache, sondern stehen miteinander im Wechselverhältnis.

Der freie Wille

Eines der Hauptanliegen der Veranstalter_innen liegt in dem Insistieren auf den freien Willen:

„Der Fehler der Theorie des autoritären Charakters besteht darin, die Menschen nicht als vernunftbegabte Subjekte zu nehmen, die nach ihrem Willen handeln.“

Was durch diese Insistenz auf den freien Willen bewirkt wird, kann man anhand des GSP-Argumentationsschemas einsehen. Dieser bezeichnet den Nationalismus als „berechnende Einrichtung der eigenen Vorurteile und Vorlieben […] aus freien Stücken“ und in unzähligen weiteren Beispielen ist dann die Rede von „willentlicher Anerkennung“ des Gehorsams, von „Berechnungen der Mitmacher“ oder von ähnlichen Bezeichnungen für das Einpassen ins Herrschaftsverhältnis aus freien Stücken.

Dieser einfache Begriff des freien Willens ist das Gegenstück zum einfachen Begriff des Interesses. Jeder/Jedem wird stets die Verfolgung seiner/ihrer Interessen unter Anerkennung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unterstellt. Praktisch bedeutet das, dass der GSP sich ins Alltagsgeschehen einmischen kann, indem er die Akteure der Verfolgung ihrer Interessen überführt. Durch den Nachweis der konkreten Agenten, welche ihr Interesse Verfolgung verfolgen, lässt sich zwar gut Anklagen, aber entscheidende Begriffe der Marxschen Theorie wie der der Charaktermaske verlieren so an Bedeutung.

Man bedient sich eines einfachen Bildes von Konformismus: Jede einzelne akzeptiere die vordergründigen Vorteile, die diese Gesellschaft zur Verfolgung des Interesses liefere, könne aber genauso einfach vorgerechnet bekommen, dass ihr Interesse im Kommunismus viel besser wegkommt, weswegen die Revolution dann auch ihr objektives Interesse sei. Gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse besitzen hiernach keinerlei Einfluss auf die menschliche Psyche. Die Begriffe der zweiten Natur und des Fetischs werden so substanzlos oder an die Staatsgewalt gekoppelt. Das Ich als Vermittlungsinstanz zwischen eigenen (z.T. unbewussten) Neigungen, Moral und Realität wird explizit abgelehnt, stattdessen mit theoretischen Verrenkungen wie einem selbstrelativiertem freien Willen gearbeitet.

Wenn die Veranstalter_innen mit großem Tamtam einen theoretischen Voluntarismus einfordert, so verbirgt sich dahinter ein simples Menschenbild, welches zwar praktische Eingriffe ins Alltagsgeschehen ermöglicht, jedoch zentrale Marxsche Begriffe (Charaktermaske, zweite Natur, Fetisch) unterhöhlt.

Schuld und Determinismus

Im Veranstaltungstext und in jeder einschlägigen GSP-Publikation fällt der Vorwurf, dass Psychologie im Allgemeinen und die Theorie des autoritären Charakters im Besonderen die Menschen entschulde, weil ihr Handeln determiniert werde.
Ein solcher Vorwurf trifft Theorie überhaupt. Auch Marx ließe sich vorwerfen, er entschulde böse Kapitalisten, weil er die theoretische Erklärung liefere, dass einzelne ökonomische Akteure im Kapitalismus austauschbar und unwesentlich seien. Unerklärlich, warum gerade wegen diesem immanentem Problem von Theorie – dass sie als Erklärung immer zugleich Exkulpation ist – vor der Subjektivität Halt gemacht werden soll. Es wäre sinnvoll hier eine Unterscheidung zwischen den theoretischen Disziplinen der Psychologie zu machen (Neuro-, Verhaltenspsychologie, Psychoanalyse etc.). Psychologie allgemein einen absoluten Determinismus vorzuwerfen, weil sie Umstände der menschlichen Willensbetätigung erforscht, zeugt im Übrigen nur von Begriffslosigkeit. Diese legt Karl Held dann auch an den Tag, wenn er Psychoanalyse und Behaviorismus in einem Abwasch versucht zu erledigen. Ähnlich auch der Generalvorwurf des Veranstaltungstextes:

„Die Kritische Theorie liefert so eine Entschuldigung für das Mitmachen, denn die herrschenden Verhältnisse bringen deterministisch die zu ihnen passenden Untertanen hervor.“

Die Frage von Schuld und Determinismus ist tatsächlich heikel. Wenn gar Triebe oder infantile Sexualität als Entschuldungen verworfen werden und mit dem Argument der Entschuldung die ganze Kritische Theorie angeklagt wird, wird Radikalität an der falschen Stelle geübt.

Subjektivität
Um in die Frage der Schuld Klarheit zu bringen, muss die Subjektivität ins, statt aus dem Visier genommen werden. Es gilt zu erfragen, wo Freiheit, Subjektivität und mit ihnen auch die Schuldfähigkeit beginnt. Wohl kaum beim Säugling, beim Neandertaler oder Menschenaffen. Sie müssen also als Gewordenes begriffen werden.

Dies ist im Übrigen auch Arbeitsfeld der Psychoanalyse im positiven und der Theorie des autoritären Charakters im negativen Sinne. Dementsprechend sagen psychoanalytische Begriffe von Freiheit, Ich und Subjekt grade wegen der prekären Lage, in der sich Subjektivität befinden kann, auch sehr viel mehr aus als das einschlägige Begriffsinstrumentarium des GSP. Subjektivität, welche sich relativ autonom artikulieren kann, ist in diesem Sinne als etwas Gewordenes und manchmal eben tendenziell vereiteltes, aber keineswegs als a priori jedem Gegebenes, zu verstehen. Nur einer Gesellschaftskritik, welche sich nicht davor scheut mit Begriffen wie Trieb, Unbewusstes oder autoritärer Charakterstruktur die Subjektivität einzugrenzen, kann es gelingen sie im positiven Sinne noch glaubhaft festhalten zu können.

Fazit
Eine Kritik einzelner psychologischer Disziplinen oder etwa der gesamten Psychologie als Wissenschaft ist ein nobles Unterfangen. Die Marx-Lektüre des GegenStandpunktes ist hier jedoch keine gute Ratgeberin. Nicht nur wird sich einem ganzen Erkenntnisfeld verschlossen, sondern auch die Ökonomiekritik selber leidet unter der Borniertheit.

Eine Hinwendung des Marxismus zur psychologischen Erklärung bedeutet keine Abkehr von einer Ökonomiekritik. Marxsche Begriffe wie die der zweiten Natur, des Fetischs oder der Charaktermaske können durch eine psychologische Vermittlung sogar an Substanz gewinnen. Wir glauben dementsprechend, dass gerade die Psychoanalyse in manchen Fragen nicht nur notwendiges Medium von Erkenntnis, sondern auch von Kritik ist.

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Infoveranstaltung + Aufrufpräsentation „Kritik im Vakuum – Beitrag zu einer Debatte die nicht stattfindet“

Donnerstag, 25. Sept um 19:00
Nexus Braunschweig (Frankfurter Straße 253)

Am dritten Oktober diesen Jahres ist Hannover Gastgeber des Spektakels rund um die Einheitsfeier. Gefeiert wird an diesem Datum ganz unspektakulär der Stichtag der formellen Übernahme der DDR durch die BRD. In Hannover wird sich der Deutsche Staat anlässlich dieses Tages in Szene setzen und seine Politik würdigen lassen, ohne die nationalistisch aufgeladene feucht-fröhliche Stimmung der Fußballfanmeilen. So oder so – kein Grund zum Feiern. Denn diese Ordnung, die mit der Politik des deutschen Staates gesichert wird, bedeutet immer auch: Armut, Ausgrenzung und Leistungszwang. Verschiedenste linke Gruppen organisieren daher gegen dieses Feiern der Nation ein breites Gegenprogramm vom 2. bis zum 4. Oktober. Warum sie das machen und was genau euch erwartet soll Inhalt dieser Veranstaltung sein.

Im Anschluss an den allgemeinen Teil zu den Gegenaktivitäten während der Einheitsfeierlichkeiten werden wir, die Antifaschistische Gruppe Braunschweig unseren Aufruf „Kritik im Vakuum – Beitrag zu einer Debatte, die nicht stattfindet“ vorstellen, der sich anfangs mit der Konstitution des Staates auseinandersetzt, im Anschluss den Verlauf des deutschen Nationalismus, beginnend beim Kaiserreich bis in die Gegenwart verfolgt, um eine Essenz des deutschen Nationalismus zu bestimmen und den Begriff der deutschen Spezifik zu erläutern, um sich abschließend der Frage zu widmen, was die Gesellschaft mit den Subjekten anstellt, dass diese zu Nationalist_innen werden.

Der Aufruf ist hier zu finden: http://issuu.com/antifaschistischegruppebs/docs/kritik_im_vakuum_web
Eine Textversion zum ausdrucken und herunterladen ist hier zu finden: http://agb.blogsport.de/images/KritikimVakuum.pdf
Facebook-Veranstaltung https://www.facebook.com/events/456679807803742/

Kritik im Vakuum – Beitrag zu einer Debatte, die nicht stattfindet

Auch wir rufen dazu auf, sich an den Protesten gegen die Einheitsfeierlichkeiten im Oktober in Hannover zu beteiligen, allerdings sind wir der Auffassung, dass sich keiner der bisherigen Aufrufe der Thematik des Nationalismus auf einer tiefergehenden, inhaltlichen Ebene widmet, weshalb wir uns dazu entschlossen haben, einen eigenen Beitrag zu verfassen.

Hier findet ihr eine Reintext-Version: Kritik im Vakuum

Unterstützer_innen:
A2K2|Emanzipatorische Antifa Duisburg|Initiative gegen Duisburger Zustände|association [belle vie]



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