Redebeitrag auf der Tanzdemo: „Who the Fuck is Gender“

Wie angekündigt, hier unser Redebeitrag:

Hallo Leute,

Ersteinmal schön euch im Namen der Antifaschistischen Gruppe Braunschweig begrüßen zu können. Euch begrüßen zu können auf dieser Tanzdemo gegen die herrschenden Geschlechterverhältnisse. Die Frage wie die gesellschaftliche Reproduktion organisiert ist, darf kein blinder Fleck einer radikalen Linken sein und gehört zu einer materialistischen Kritik an moderner Herrschaft. Frei nach Engels ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte: die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens.

Viel zu lang war der Begriff Feminismus reserviert für bürgerliche Versuche Gleichberechtigung in der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt herzustellen anstatt die Geschlechter als etwas gesellschaftliches zu erachten. Von Gender Mainstreaming als neue Branche der Unternehmensberatung über die neoliberale Diskurse über Flexibiliesierung bis zur postmodernen Patchwork Identität wurde das Geschlecht herrschaftlich individualisert anstatt es für kritische Theorie als soziales verhältnis zugänglich zu machen.

Jegliche konkrete individuelle Verbesserung, ob Frauenwahlrecht, der Kampf gegen den Abtreibungsparagraph oder etwa die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Beziehungsformen sind erkämpfenswert und zeigen mitunter den positiven Gehalt bürgerlicher Freiheiten. Das sind sie aber auch nur, und nicht mehr.
Genau darum muss es aber gehen, konkrete Verbesserungen im Kapitalismus sind konkrete Verbesserungen, jedoch berühren sie nicht die Grundlagen moderner bürgerlicher Herrschaft, sondern verschleiern diese tendenziell.
Auch die teilweise sehr populäre Postmoderne hat alte Argumentationsmuster aufgebrochen, etwa essenzialistische Formen „feministischer“ Artikulation, die etwa Frauen als friedfertiges Geschlecht konstruieren, im Gegensatz zum kriegerischen Mann.
Doch die postmodernen Ansätze finden ihr Ende bereits beim Verständnis vom Individuum, in dem sie die Lösung sehen, solange es sich nur möglicht individuell dekonstruiert. Diese auf Lifestyle und Identität basierende Erlösungsversprechen haben von dem Gesamtzusammenhang kapitalistischer Vergesellschaftung und seiner patriarchalen Prägung offenbar nichts gehört.

Aus aber eben jener modernen Herrschaftsform, die sich dem objektiv irrationalen Prinzip, aus Wert mehr Wert zu machen verschrieben hat, entsteht kontinuierlich Elend. Weil formale Gleichheit als Rechtssubjekt nichts zu tun hat mit freier Entfaltung freier Individuen, sondern mit kapitalistischer Verwertung kann daraus nur neue Herrschaft, also gesellschaftliche Asymmetrie erwachsen. Eine emanzipatorische feministische Linke täte gut daran sich mit der Einbettung des Individuums in Herrschaftsverhältnisse wie Geschlecht, Kapital und Migration und ihrem Zusammenspiel auseinaderzusetzen.
Kapital und Geschlecht greifen ineinander und sind mitverantwortlich für die soziale Positionierung der Individuen in der Gesellschaft. Das heißt sie prägen die Möglichkeiten für den Zugang zu Ressourcen und Macht mit. Frauen werden in der Tendenz eher in die unbezahlte, reproduktive, heimische Sphäre gedrängt, während Männer auf dem Arbeitsmarkt in der Regel bevorteilt werden. Auch wenn immer mehr Frauen ein Beschäftigungsverhältnis aufnehmen, bleibt dieses hierarchische Machtgefälle erhalten. Denn selbst wenn sich die ökonomischen Ungleichheiten unter den Geschlechtern vollends auflösen sollten, ist dies noch kein Garant für die Auflösung patriarchaler Machtverhältnisse im gesellschaftlichen Sinne.

Einer herrschaftskritischen Perspektive kann es nicht darum gehen Herrschaft von einem auf das andere Indivduum zu verschieben sondern sie als gesellschaftliche Totalität zu denken und auf deren Abschaffung zu insestieren. Eine kritisch Theorie Theorie des Geschlechts wäre ein Anfang.